Krisengeflüster

Wolfang Schalko, Herausgeber von E&W über die aktuelle Situation in der Elektrobranche, dem Trend zum Online-Shopping und die Systemrelevanz von Elektrogeräten.

Gespräche über die aktuelle Situation der Elektrobranche werden derzeit vermehrt hinter vorgehaltener Hand geführt. Aber nicht etwa, weil die Inhalte verwerflich wären, sondern weil es eine Erfolgsgeschichte ist, die insbesondere der klassische Elektrofachhandel seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie geschrieben hat – nur wer hängt sich angesichts der gesamtgesellschaftlichen Umstände dieser Tage schon die Medaille des „Krisen-Gewinners” um? 

Versäumnisse der letzten Jahre schonungslos aufgedeckt

Eine derart positive Entwicklung war jedoch weder vorherzusehen, noch passiert sie ohne entsprechendes Zutun. Natürlich entfalten hier Einflussfaktoren wie Cocooning & Co ihre Wirkung, aber zugleich hat der Elektrohandel ganze Arbeit geleistet, die Widrigkeiten und Unwägbarkeiten der Corona-Krise nicht nur abzufedern, sondern diese ins Positive zu verkehren.

 

Im heurigen Frühjahr wurden die Versäumnisse der letzten Jahre schonungslos aufgedeckt und insbesondere im Bereich Digitalisierung zeigte sich Nachholbedarf. Statt den Kopf in den Sand zu stecken nahmen die Händler durchwegs die Herausforderung an und kurzerhand jene Projekte in Angriff, die für das Weiterführen der Geschäfte unter erschwerten Bedingungen notwendig waren. Mit enormem Einsatz, erstaunlicher Kreativität, der gebotenen Professionalität und einer gesunden Portion Pragmatismus. 

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Wolfgang Schalko als Stimme der Branche. 

Kleine Händler haben nicht profitiert

Damit wurde das etwas „angestaubte” Image des Elektrohandels kräftig und nachhaltig aufpoliert. Hier stachen auch die Fachhandelskooperationen ElectronicPartner, Expert und Red Zac hervor, die das Feld im Sinne ihrer Mitglieder aufbereiteten und geistesgegenwärtig mit geballter Werbe-Power die „richtigen” Themen forcierten. So wurden die Stärken des Fachhandels – Regionalität, Beratungskompetenz, Serviceorientierung und prompte Warenverfügbarkeit – nach außen getragen. Dass sich Trends wie jener zum Online-Shopping durch Covid-19 beschleunigen und verstärken würden, war absehbar. Dass gerade lokale und regionale Anbieter – gerne als die „kleinen Händler ums Eck” bezeichnet – überproportional von der Entwicklung profitieren würden, keineswegs.

Preis des Produkts verliert an Bedeutung

Neben der Regionalität, in der sich auch das steigende Bewusstsein für Nachhaltigkeit widerspiegelt, hat das Thema Warenverfügbarkeit an Bedeutung gewonnen. Und das gleich in zweifacher Hinsicht: Einerseits war und ist der Elektrohandel mit weiten Teilen seines Sortiments – vom Smartphone bis zum Kühlschrank – de facto systemrelevant, andererseits sorgt der anhaltende Boom rund um die Aufwertung des Eigenheims dafür, dass die Branche heute kein Nachfrage-, sondern vielmehr ein Beschaffungsproblem zu meistern hat. Der positive Begleiteffekt ist, dass damit der Preis des Produkts an Bedeutung verliert. Dennoch ist preisbewusstes Einkaufsverhalten keineswegs verschwunden und Verkaufsaktivitäten vom “Black Friday Sale” bis hin zum althergebrachten Vorweihnachts-Rabatt haben weiterhin Konjunktur. Immerhin haben die letzten Monate auch gezeigt, dass sich der klassische Elektrohandel selbst beim sensiblen Thema Preis nicht zu verstecken braucht, sondern ganz im Gegenteil sogar oftmals die Nase vorn hat, wenn man Produkt und Zusatzleistungen als Gesamtpaket betrachtet.

 

Die Elektrobranche wird sich auch in Zukunft auf Veränderungen einstellen und sich immer wieder aufs Neue beweisen müssen. In den vergangenen Monaten hat sie mit Bravour demonstriert, dass sie das kann.